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Eine Spinne, die keine Insekten mag

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Bagheera kiplingi, eine Springspinnenart (Salticidae), ist als einzige fast ausschließlich vegetarisch lebende Spinne unter den etwa 40.000 bekannten Spinnenarten eine solche Ausnahme. Die „Vegie-Spinne“, die in Mittelamerika und Mexiko vorkommt, wurde 2001 entdeckt, ihr sonderbares Fraßverhalten aber erst 2009 von Christopher J. Meehan und Kollegen genauer beschrieben. Ihre Radio-Isotopanalysen belegten neben Beobachtungsstudien eindeutig, dass sich die mexikanische Bagheera fast ausschließlich von Fruchtkörpern, also pflanzlich ernährt. Bei der mittelamerikanischen Bagheera konnte eine überwiegend vegetarische Kost festgestellt werden, die allerdings mit Ameisenlarven, nektarfressenden Fliegen und selten auch mit Artgenossen aufgestockt wurde.

Vermutlich eher zufällig bemerkten die Naturforscher, dass die Spinnenart, die ebenso wie Ameisen auf Akazien lebt, sich ebenso wie diese von den von Akazienblättern produzierten Futterkörpern ernährt. Diese als Belt´sche Körper bezeichneten eiweiß- und fettreichen Futterkörper bilden primär ein wichtiges Element in der positiven Wechselbeziehung zwischen Ameisen- und den Akazienarten (Symbiose). Die Ameisen, die in den hohlen Dornen der Akazien leben, bieten der Akazie Schutz z.B. gegen Fraßfeinde wie Raupen oder Käfer, wohingegen die Akazie den Ameisen mit den Unterkunft, Nektar und den Futterkörpern entgegen kommt. Bagheera kiplingii bedient sich -ohne bekannte Gegenleistung- ebenfalls und konkurriert damit potenziell um die begehrte Kost.

Diebisch zu sein, birgt natürlich auch Gefahren. Die Ameisenwächter der Akazie sind nämlich äußerst aggresiv. Selbstverständlich hat die kleine Springspinne dafür ein paar Tricks parat. Ihre Nester, die sie ausschließlich auf Ameisen-bewohnten Akazien platziert, baut sie am äußeren Ende älterer Akazienblätter. Diese werden weniger durch Ameisen-Patroullien „kontrolliert“. Ihre gute optische Wahrnehmung, ihre extreme Beweglichkeit und Sprungkraft erleichtern die Futtersuche, da sie anrückenden Ameisen mühelos ausweichen kann und einfach eine andere Futterquelle anvisiert. Jungspinnen mimen übrigens die Ameisen optisch und im Verhalten nach, sodass diese zusätzlich geschützt sind. In dem Video sieht man ein Bagheera-Individuum, allerdings ein wenig erfolglos.

Ein Mysterium bleibt jedoch, wie sich aus einer Stammlinie carnivorer Spinnen ein herbivorer Abkömmling entwickeln konnte. Man bedenke, dass stammesgeschichtlich „junge“ Spinnenarten über eine externe Verdauung verfügen. Die Spinnen injizieren Beutetieren, nach lähmenden Toxinen, einen Enzymcocktail, der die Beute innerlich in einen nahrhaften Brei „transformiert“, welcher dann von den Spinnen aufgesogen werden kann. Der gesamte Verdauungsapparat ist auf diese Form der Nahrungsaufnahme ausgelegt (kurzer Verdauungstrakt, spezialisierte Mandibeln, eine inneres Filtrationssystem usw.). Die Belt´schen Fruchtkörper bestehen zu einem großen Teil aus Struktureiweißen (bis zu 80%). Dem entsprechend benötigt die Spinne auch die Physiologie bzw. das passende Verdauungssystem für diese Kost. Wie dies funktioniert, muss in zukünftigen Studien noch weiter untersucht werden. Generell vermutet man, dass die Ernährungsumstellung, die man als nicht zusammenhängende Koevolution bezeichnen würde, mit einer Nahrungseinnischung und dem „kostenlosen“ Schutz durch die Ameisenwächtern zusammenhängen könnte. Auch hier fehlen noch Studien. Mal sehen, was es in Zukunft von der kleinen Spinnen zu berichten gibt.

Und für die, die aufmerksam waren: Ja, der Name Bagheera ist selbstverständlich aus Kipling´s Dschungelbuch Panther entlehnt. Systematiker sind eben doch manchmal ein wenig kreativ.

Habt ihr auch schon mal über eine Nahrungsumstellung nachgedacht? Kommentiert nach Lust und Laune!

Referenzen:

Meehan, C. J., Olson, E. J., Reudink, M. W., Kyser, T. K., & Curry, R. L. (2009). Herbivory in a spider through exploitation of an ant–plant mutualism. Current Biology, 19(19), R892-R893.

  • [A] Adult female consumes a Beltian body harvested from the tip of an ant-acacia leaflet. (Photo: M. Milton.)

Jackson, D. E. (2009). Nutritional ecology: A first vegetarian spider. Current Biology, 19(19), R894-R895.

Bildreferenzen:

Bagheera kiplingi, particolare sul ragno von: Maximilian Paradizhttps://www.flickr.com/photos/maxorz/4360611024/in/photolist-7DkgJG-7CdsDj/  (2014) CC BY 2.0 . www.wikipedia.org

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