Kuriosum naturale

Das virtuelle Kuriositätenkabinett

Das Yin und Yang der Fledertiere – Die Kunst des Blütenhörens

Wenn es um die Wahrnehmung von Blüten geht, dann verbinden wir das häufig mit der bunten Vielfalt und dem süßlichen Wohlgeruch einer Frühlingswiese oder eines Blumenstraußes (nicht die Vögel). Es gibt im Tierreich aber eine interessante Ordnung von Säugetieren, die Blüten auch anders wahrnehmen kann und von der ich zukünftig noch mehr Kurioses berichten werde. Die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera, gr. für „Handflügler“), die insgesamt etwa 1200 bekannte Arten umfasst, ist bei uns in Deutschland in der Unterordnung der Fledermäuse mit etwa 23 Arten vertreten (Microchiroptera; nach neuerer Systematik Yangochiroptera und einige Vertreter der Yinpterochiroptera wie der Kleinen Hufeisennase). Diese sind bei uns im Wesentlichen als nacht- und dämmerungsaktive, lautlose und insektenfressende Flieger bekannt.

Im Gegensatz dazu gibt es in den Tropen und Subtropen zahlreiche Arten, die vorwiegend vegetarisch leben, heißt, dass sie sich primär von Pollen, Nektar und Früchten ernähren, welche durch mineralreiche „Insektensnacks“ ergänzt werden. Als Blütenbestäuber und Samenausbreiter spielen sie dabei eine bedeutende Rolle für die lokalen Blütenpflanzen. Weil die meisten von ihnen wie „unsere“ Fledermäuse vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv sind, müssen auch sie ihre Nahrungsquellen im Dunkeln aufspüren können. Anders als die meisten tropischen bzw. subtropischen Flughunde, welche den Großteil der anderen „großen“ Unterordung der Fledertiere (Megachiropteren; nach neuerer Systematik Yinpterochiropteren) darstellen, benutzen viele der tropischen Fledermaus-Arten dafür aber nicht ihre Nase oder ihre Augen, sondern loten die Futterquellen über gewisse Distanzen, ähnlich ihrer europäischen Verwandten, mit ihrem Echo aus. Sie senden Ultraschallsignale aus und bestimmen anhand des entsprechenden Echos, wo es etwas zu fressen gibt.

Da die Pflanzen ebenfalls vom „Aufgespürtwerden“ profitieren und sich dafür aus der Hintergrundvegetation hervorheben müssen, haben einige Pflanzenarten wie z.B. Marcgravia eveFig 1nia (Fam. Heidekrautgewächse) sogenannte „sound features“, „echo-acoustic signatures“ bzw. „acoustic nectar guides“ an ihren Blüten entwickelt. Der blütentragende Blütenstand sieht einem Kronleuchter ähnlich, wobei die nektartragenden Elemente wie eine sackförmige Tränke unterhalb des exponierten Blütenkranzes hängen. Das interessante „sound feature“ ist ein sogenanntes Hochblatt, welches schüsselförmig über dem „Kronleuchter“ angebracht ist. Kommt eine Fledermaus nun in die Nähe dieser „Schüssel-Kronleuchter-Sack-Konstruktion“, erleichtert die konkav-geformte Schüssel den gerichteten Anflug, indem sie das Schallsignal verhältnismäßig konzentriert zurück wirft. Das Entscheidende dabei ist, dass die Echolotung so über große Distanzen möglich ist und dass das zurückgeworfene Echosignal selbst bei unterschiedlichen Winkelpositionen der suchenden Fledermaus gleich bleibt. Ein ähnliches System wurde in der neotropischen Mucuna holtonii beschrieben, welche der Marcgravia im Blütenstand sehr ähnlich sieht, Leptonycteris yerbabuenaemit dieser aber nicht näher verwandt ist (Fam. Schmetterlingsblütengwächse). Es ist bekannt, dass M. holtonii von Blütenfledermäusen (Unterfam. Glossophanginae; Fam. Phyllostomidae, „die Blattnasen“), wie Commissaris´ Langzungenfledermaus oder der kleineren Langnasenfledermaus (Glossophaga commissarisi, unten; Leptonycteris yerbabuenae, rechts) angeflogen und bestäubt wird. Hier bildet die sogenannte „Fahne“, also das mittlere obere Kronenblatt einer Blüte das „Sound feature“.

Leider ist die momentane Anzahl der wissenschaftlichen Artikel über Echolokation in Fledermaus-Bestäubungssysteme recht überschaubar. Bei der Vielzahl dieser Bestäubungssysteme in den Tropen und Subtropen ist es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis neue Studien dazu veröffentlicht werden. Es wurde allerdings schon jetzt eindrucksvoll bewiesen, dass man Blumen oder Blüten eben nicht nur sehen oder riechen, sondern auch hören kann. Sollten Neuigkeiten zu diesem Thema auftauchen, werde ich euch ein entsprechendes Echo dazu geben.

Ein großer Dank geht an meinen Kumpel (und Fledertierexperten) Oliver Lindecke, der mir neben entscheidenden Tipps auch mehrere Privatfotos genehmigt hat.

Glossophaga commissarisi

Referenzen:

Von Helversen, D., & von Helversen, O. (1999). Acoustic guide in bat-pollinated flower. Nature, 398(6730), 759-760.

Von Helversen, D., & von Helversen, O. (2003). Object recognition by echolocation: a nectar-feeding bat exploiting the flowers of a rain forest vine. Journal of Comparative Physiology A, 189(5), 327-336.

Fenton, M. B., & Ratcliffe, J. M. (2010). Bats. Current Biology, 20(24), R1060-R1062.

Simon, R., Holderied, M. W., Koch, C. U., & Von Helversen, O. (2011). Floral acoustics: conspicuous echoes of a dish-shaped leaf attract bat pollinators. Science, 333(6042), 631-633.

Bildreferenzen

Fig 1 aus: Simon, R., Holderied, M. W., Koch, C. U., & Von Helversen, O. (2011). Floral acoustics: conspicuous echoes of a dish-shaped leaf attract bat pollinators. Science, 333(6042), 631-633.

Leptonycteris yerbabuenae; Lesser long-nose bat, Costa-Rica. © Oliver Lindecke

Glossophaga commissarisi– Commissaris´ long-tongued bat, Costa-Rica. © Oliver Lindecke

 

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