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Betritt das Reich der Schmerzen!

schmidtDr. Justin Orvel Schmidt (*1947, r. mit einem Tarantelfalken), Entomologe und Hymenopterenexperte, ist offensichtlich nicht nur ein bisschen masochistisch veranlagt. Laut seiner Aussage wurde er während seiner Arbeitszeit von mehr als 150 Insektenarten gestochen und hat sich, gemäß eines Naturwissenschaftlers, vorgenommen, die durch die Stiche entstandenen Schmerzen einzuordnen. Um seine und die Schmerz-Erfahrungen anderer „Stichopfer“ für andere besser nachvollziehbar zu gestalten, hat er dafür ein System bzw. einen Index entwickelt. In dem nach ihm benannten Schmidt-Sting Pain Index (Schmidtscher Stichschmerz-Index) hat er den Stichen von Hautflüglern also z.B. von Bienen, Wespen oder Ameisen verschiedene „Schmerz-Stufen“ zugeteilt. Die Werteskala reicht dabei von den „1.0“ bis „4.0“. Der verwendete Vergleichs-Wert von „0.0“ entspricht dabei einem Stich, der in der Regel einen kaum spürbaren bis keinen Schmerz verursacht.

Wollt ihr wissen was wirklicher Schmerz ist? Dann versucht kurz durchzuatmen und die von ihm sehr einfühlsam kommentierten Schmerzempfindungen nachzuempfinden. Betretet das Reich das Schmerzen:

Stufe Schmerz Empfinden Insekt  
1.0 Leicht, flüchtig, fast fruchtig Als ob ein winziger Funke ein einziges Haar auf dem Arm ansengt Blutbiene, Furchenbiene
1.2 Scharf, plötzlich, etwas beunruhigend Als ob man über einen Flokatiteppich läuft, sich statisch auflädt und einen elektrischen Schlag bekommt Feuerameise
1.8 Selten, stechend, irgendwie hoch Als ob jemand eine Heftklammer in deine Wange schießt Knotenameise
2.0 Reichhaltig, herzhaft, heiß Als ob jemand eine Zigarre auf deiner Zunge auslöscht Kurzkopfwespe
2.x  Keine Angabe Als ob abgebrochener Streichholzkopf, der auf deiner Haut abbrennt Honigbienen, Hornissen
3.0 Ätzend, brennend, unerbittlich Als ob jemand einen Bohrer benutzt, um einen eingewachsenen Zehennagel freizulegen oder man einen Becher mit Salzsäure über eine Schnittwunde schüttet Ernteameisen, Feldwespen
4.0 Heftig, blendend, furchtbar elektrisch Als ob jemand einen laufenden Haartrockner in dein Schaumbad fallen lässt Tarantelfalke (im Bild mit Orvel)
4.x Rein, intensiv, strahlend Als ob man über glühende Kohlen läuft und dabei einen sieben Zentimeter langen, rostigen Nagel in der Ferse stecken hat 24-Stunden-Ameise (Beitragsbild)

Die genauen Wirkungsmechanismen sind zwar noch nicht erforscht, man weiß jedoch, dass die Schmerzen weniger mit den unmittelbaren mechanisch-physischen Schäden an Zellen oder Geweben als vielmehr mit verschiedenen „Giftkomponenten“ wie z.B. Neurotoxinen zusammenhängen. Diese interagieren direkt nach der „Injektion“ mit den schmerzempfindlichen Geweben oder Schmerzrezeptoren der Zellen, so Schmidt in einem Interview. Biochemisch gesehen handele es sich in erster Linie um Peptide (Eiweißbestandteile), Enzyme aber auch z.B. biogene Amine.

Schmidt bedauerte, dass es bisher noch kein wissenschaftlich anerkanntes „objektives“ Einteilungssystem zum Thema Schmerzen nach Insektenstichen gibt. Ich behaupte aber an dieser Stelle, dass die von ihm gesammelten „subjektiven“ Beschreibungen vielleicht besser geeignet sind, um sich die Schmerzen vorstellen zu können.

Schwitzt ihr schon ein wenig in der Hoffnung, dass ihr mit keinem der genannten Tierchen in Kontakt kommt? Ich denke, dass ein jeder von euch in seinem Leben zumindest schon einmal von einer Honigbiene oder Feldwespe gestochen wurde (und es ganz gut verkraftet hat). Vielleicht denkt ihr, falls ihr das nächste Mal eine Biene oder Wespe seht, respektvoll an einen abgebrochenen Streichholzkopf, der auf eurer Haut abbrennt.

Seid ihr schon einmal gestochen worden? Wie würdet ihr die empfundenen Schmerzen beschreiben? Hat euch der Artikel gefallen? Kommentiert nach Lust und Laune!

Update [01.01.2017]: Es gibt Neues vom „King of Sting“ (hier mit netter Infografik). Inzwischen wurde Mr. Schmidt insgesamt 1000 mal gestochen und es sind neue schmerzbringende Insekten dazu gekommen, wie z.B. die „warrior wasp„, die auch Stufe 4+ Schmerzen austeilen kann.

Referenzen:

Schmidt, J. O. 1986. Chemistry, pharmacology, and chemical ecology of ant venoms, pp.425-508. In T. Piek [Ed.], Venoms of the Hymenoptera.. Academic Press, London

Schmidt, J. O. 1990. Hymenoptera venoms: striving toward the ultimate defense against vertebrates, pp. 387-419. In D. L. Evans and J. O. Schmidt [Eds.], Insect defenses: adaptive mechanisms and strategies of prey and predators. State University of New York Press, Albany.

Schmidt, J. O., M. S. Blum, and W. L. Overal. 1984. Hemolytic activities of stinging insect venoms. Arch. Insect Biochem. Physiol. 1:155-160.

Interview with Dr. Justin O. Schmidt (March 2008): http://scienceblogs.com/zooillogix/2008/03/03/interview-with-dr-justin-o-sch/ [Stand: 12.01.2014]

The Schmidt Pain index (April 2013): http://ferrebeekeeper.wordpress.com/2013/04/02/the-schmidt-sting-pain-index/ [Stand: 12.01.2014]

Schmidt Pain Index (November 2013): http://de.wikipedia.org/wiki/Schmidt_Sting_Pain_Index [Stand: 12.01.2014]

Beitragsbild:

Paraponera clavata (Museumspräparat) Von Didier Descouens – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15613501

 

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